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Movements of Lindenau
Leipzig, 2007

Performances im öffentlichen Raum,
Bewegungs-
recherche
mit Hermann Heisig




Movements of Lindenau

„Um die Musik der Stadt zu entdecken, muss man sie betrachten.“ Henry Lefebvre

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Stadt als urbanes Gefüge ist durch und durch rhythmisiert: durch architektonische Anordnungen, Öffnungszeiten von Läden, durch visuelle Zeichen in Form von blinkenden Lichtern, Ampeln, Zebrastreifen oder Laternenpfählen, durch akustische Signale und strukturierte Prozesse wie dem Öffentlichen Nahverkehr, Gezeiten von Tag und Nacht, durch die Aufteilung in Wohn- und Industrieviertel, in bessere Gegenden und Ärmere Bezirke, durch den Wechsel von An- und Abwesenheit. Was bedeutet dies für ein Stadtviertel wie beispielsweise Leipzig Lindenau, wenn sich seine Strukturen und Rhythmen im Zuge der Deindustrialisierung vollkommen verändern?

Der Großindustrielle Karl Heine prägte einst als bedeutender Unternehmer und Industriepionier das Gesicht der westlichen Vorstädte Leipzigs und entwickelte Lindenau um 1850 als Industrievorort. Fabriken und Wohngebiete grenzten eng aneinander. Im Zuge der raschen industriellen Entwicklung kam es bereits um die Jahrhundertwende zu Raumproblemen und es entstand eine drückende Wohnungsnot. Nach der Wende war Lindenau eine vom Phänomen der Schrumpfung am meisten betroffenen Gegenden Leipzigs. Heute befindet sich das Viertel im Umbruch, auf der Suche nach einer neuen Indentität. Diese Entwicklung hat aber auch zur Folge, dass überall neuartige Räume entstehen, denn die Lücken und die verlassenen Gebäude sind nicht einfach leer und in der Zeit stehen geblieben. Wie ein Organismus verändern sie sich weiter. Sie sind angefüllt mit sedimentierten Geschichten, mit Spuren, Geräuschen und Gerüchen, in denen sich ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart überlagern. Bereit, ihre Geschichten zu erzählen und wieder am Leben teilzunehmen.

Zu welchen Bewegungen des Körpers laden vorgefundene räumliche Anordnungen und Strukturen ein? Und wie wirken die atmosphärischen Gegebenheiten auf den sich im Raum bewegenden Körper? Ergebnisse der Recherch im Stadtraum gemeinsam mit dem Tänzer Hermann Heisig sind u.a. Video-Tanzperformance, ein inszenierten Spaziergang gemeinsam mit dem Stadtplaner Roland Beer und eine Video/Soundscapearbeit.

Im Rahmen von 'mitArbeit. Lebensrhythmen im Wandel' Ausstellung zum 50jährigen Jubiläum des Tanzarchiv Leipzig e.V.,, Schaubühne Lindenfels Westflügel, Leipzig
18. 10. – 11. 11. 2007, Schaubühne Lindenfels Westflügel, Leipzig

Gefördert von: Stadt Leipzig - Kulturamt, Fonds Darstellende Künste
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Fotos: Michael Ehritt


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Unterwegs in Lindenau – ein Email-Reisebericht

Lindenau,  6. September 2007

Ich sitze im Internetcafé schräg gegenüber vom LOFFT. Es fühlt sich an, wie eine fremde Stadt! Den ganzen Tag unterwegs und ich fange an eine Strichliste zu machen, wie oft ich "wow!" sage, angesichts des reichhaltigen Angebots an Bühnen, die wir hier vorfinden. Wir gehen auf Entdeckungsreise! Zunächst haben wir Hermann im KIK neu eingekleidet. Sein Kostüm hat bereits sehr gelitten am Lindenauer Hafen und auf dem Jahrtausendfeld. Wir werden getragen vom permanenten Rauschen des fließenden Verkehrs der Hauptschlagadern und ruhen uns in den ländlichen Klängen der  weiträumigen Grünflächen aus. Wir haben an Orten gearbeitet, die es schon zur Premiere nicht mehr geben wird, wurden von Zuschauer für verrückt erklärten und haben viele brave Menschen kennengelernt, die unsere Drehgenehmigung sehen wollten. Wo ist denn der öffentliche Raum noch öffentlich?
Heute Nacht also übernachten wir sogar hier, wir wollen Lindenau by night erleben. Es ist eine verrückte Erfahrung, sich einem Viertel in der eigenen Stadt mit dem Blick eines Touristen zu nähern. Selbst das Feierabendbier im Café Westen hat sich anders angefühlt.

Die Veränderungen, die hier seit einigen Jahren von statten gehen, sind sehr spürbar. Ganze Straßenzüge stehen leer, die Türen und Fenster zugemauert. Neben den großen Brachflächen, die hier alles so großzügig erscheinen lassen, sahen wir Gesichter, die eher verloren aussahen. Auf der anderen Seiten stellen diesen neu entstandenen Freiräume ein unglaubliches Potential dar, das rege genutzt wird und kleine Paradiese entstehen lässt. Das Viertel ist on the move und wir mittendrin.

Mal sehen, was am Ende raus kommt. Ich hoffe, dass wir es schaffen, unsere Begeisterung spürbar zu machen. Das Internetcafé macht gleich dicht und ich falle vor Müdigkeit vom Drehstuhl. Morgen geht’s weiter, durch Lindenau, "da ist der Himmel blau, da tanzt der Ziegenbock mit seiner Frau… "

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